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Gebet
Im gefürchteten Tod zum ersehnten Himmel zu beten. In dem unweigerlichen Vergehen sich seiner selbst bewusst werden zu dürfen. Im herankommenden Sterben neu zu entstehen und wieder zum Ursprung zurückkehren. Jenes vertraute Leben stellte sich irgendwann als Gegenteil dar, als Widerspruch zu dem, was es einst bedeutete. Das wahre Leben wartete geduldig, während es im falschen Leben übersehen wurde. Sich im Gebet über den bedrohlichen Tod zu erheben und nach einem neuen Weg zu streben. Sich hinzugeben und sich Ängste, Sorgen und Schuldeingeständnisse zu vergeben. Anzubeten, aus sich heraustreten, um bei sich einzukehren. Das Alte und Vergangene zurücklassen und sich…
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Schutzengel
Ich sehe in meiner Welt, was ich in meiner Welt sehen will; denn meine Welt wird von mir aus meinen Denken, Glauben und Vertrauen erschaffen, selbst wenn ich mir dessen nicht bewusst bin. Ich sehe, was ich bin, da alles, was ich sehe, meinem Denken und meinem Wesen entspricht. Mein Inneres wird durch einen schöpferischen Akt zu meinem Außen, in nachgerade jeder Sekunde meines Lebens. Als ich an einem späten Nachmittag am Himmel über mir eine Engelswolke sehe, fange ich an mir meiner selbst bewusst zu sein. Ich hätte so gerne einen Schutzengel. Einen Schutzengel, der mir beisteht und der…
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Einseitig
Nur in eine Richtung zu denken, zu sehen, zu fühlen, zu hören und zu reden, ohne sich der eigenen Einseitigkeit bewusst zu sein. Ich bin jedoch auch das, was mir nicht bewusst ist, was nicht zu mir zu passen scheint, was ich nicht zu glauben vermag und womit ich mich nicht auseinandersetzen will. In meiner Einseitigkeit bin ich ein Gefangener meiner selbst und wähne mich in Sicherheit. Denn was mir widerspricht, wird übersehen, verleugnet, abgewehrt, ausgeschlossen und abgetan. Einseitigkeit zur Selbstsicherheit, zur Selbstvergewisserung und als Wohlfühloase ist Gefangenschaft in der Aufspaltung des Geistes. Das Licht kommt von einer Seite. Darauf…
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Blasphemie
In der Nähe meiner altvertrauten Wegstrecke entdecke ich aus der Ferne eine neu errichtete Andachtsstätte. Neugierig nähere ich mich ihr und ein Schrecken durchfährt mich sogleich. Was ich erblicke ist ein bizarres Kreuz. Zunächst will ich nicht glauben, was ich erblicke, doch dann überkommt mich maßlose Wut. Mit knorrigen Holzstücken hat man einen gekreuzigten Jesus gefertigt und stellt ihn der Öffentlichkeit zur Schau. In meiner Wut blicke ich eine Weile lang auf das Gebilde und bin fassungslos. Als bewusst inszenierte Schändung steht die neu errichtete Andachtsstätte vor mir. In meinem Entsetzen weigere ich mich zu verstehen, wie man ein christliches…
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Verschwommen
Was mir zunächst fest und greifbar erscheint, löst sich nach und nach auf und verschwimmt auf geheimnisvolle Weise in der Offenheit des vor mir liegenden Gewässers. Die Strukturen schwimmen mir davon. Ich schaue ihnen mit Wehmut hinterher und glaube mit ihnen zu verschwimmen. Mutlos verharre ich jedoch an dem friedlichen Platz, finde in Ruhe zu mir und beobachte mich dabei, wie meine Gedanken zerfließen und sich gleichsam verflüssigen. Meine Platzgedanken werden tatsächlich zu schwimmenden Fragmenten, während ich mich träumerisch entleere. Ein verspielter Tanz zeichnet sich für mich auf dem Wasser ab, doch es könnte eine Einbildung von mir sein. Erblicke…
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Brückenbau
Wahrlich nicht jede Verbindung erschafft sogleich Nähe und vereint zuvor Getrenntes. Wie viele und welcher Art von Brücken bedarf es eigentlich für eine innere und äußere Verbindung? Wie viele und welche Art von Brücken müssen aufgebaut und beschritten werden, ehe ein ersehntes Ziel erreicht wird? Möglicherweise haben wir in der Vergangenheit so manche Brücke errichtet, nicht um Nähe zu bewirken, sondern um Distanz zu wahren. Steinerne Brücken als Denkmäler der Trennung. Nicht selten lassen sie uns einsam zurück, obgleich wir verzweifelt nach Nähe suchen. Denkmäler, die schon sehr lange Zeit bestehen und uns Wege wiesen, obwohl sie uns nicht zu…